„Notruf Schule“ – warum multiprofessionelle Teams unverzichtbar sind
Veröffentlicht am 12. Juni 2026
Die Lage wird ernster: Laut Deutschem Schulbarometer 2025/26 haben rund 25 % der Schülerinnen und Schüler erhöhte psychische Belastungen. Das zeigt sich auf viele Arten – zum Beispiel durch Depressionen, Ängste oder Verhaltensauffälligkeiten. Auch ADHS und Essstörungen spielen eine Rolle. All das sind Signale: Diese Kinder und Jugendlichen brauchen Hilfe.
Lehrkräfte sind oft die ersten Ansprechpartner. Im Unterricht erleben sie Krisen direkt – doch während sie eine ganze Klasse unterrichten, fehlt meist die Zeit für intensive Einzelgespräche. Lehrkräfte können pädagogisch unterstützen, sind aber keine Fachleute für psychische Erkrankungen. Deshalb stoßen sie bei schweren Problemen oder Fragen der Lebens- und Berufsorientierung schnell an Grenzen.
Immer mehr Schülerinnen und Schüler sind länger krank. Das bedeutet viel Betreuung und Abstimmung – und kostet Abteilungs- und Schulleitungen zusätzliche Zeit. Gleichzeitig nehmen Nachteilsausgleiche zu. Die Schulleitung muss sie anhand ärztlicher Atteste festlegen, damit Chancengleichheit möglich ist. Diese Verfahren sind aufwändig und wiederholen sich oft jedes Jahr. Hier braucht es Entlastung durch professionelle Fachkräfte.
Neben individuellen Erkrankungen beobachten Lehrkräfte häufiger respektloses Verhalten, eine härtere Sprache und mehr Gewaltbereitschaft. Gesellschaftliche Probleme kommen in der Schule an – zum Beispiel durch Mobbing und „Hate Speech“ im Netz, oft auch zwischen Mitschülerinnen und Mitschülern. Schulen werden dadurch stärker zu Orten der Sozialisation und Krisenbewältigung. Sie sollen Bildung vermitteln und zugleich soziale sowie psychische Probleme auffangen – das können sie allein nicht leisten. Dazu kommen neue Herausforderungen: mehr Individualisierung, Ablenkung durch digitale Medien und sinkende Lernmotivation.
Der Bildungsforscher John Hattie warnt außerdem davor, selbstgesteuertes Lernen zu stark zu betonen. Reines Alleinarbeiten bringt oft kaum messbare Fortschritte. Stattdessen braucht es gute Diagnostik, klare Erwartungen und gemeinsames Lernen – also eine professionelle Begleitung. Eine wichtige Antwort sind multiprofessionelle Teams. Schulpsychologie, Sozialpädagogik und Sonderpädagogik sollten fest in der Schule verankert sein. Bei Bedarf müssen auch externe Partner wie Jugendhilfe oder Polizei eingebunden werden. So gibt es die nötige Fachkompetenz, um bei Krisen, Konflikten, psychischen Erkrankungen und Gewaltvorfällen passend zu handeln.
Die Konsequenz ist klar: Schulen brauchen mehr Zeit, mehr Ressourcen und vor allem mehr Fachpersonal. Bildungspolitik muss anerkennen: Gute Bildung funktioniert heute nur zusammen mit sozialer und psychosozialer Unterstützung.
Der BLV fordert:
- Etablierung von multiprofessionellen Teams
- Mehr Teamteaching, individuelle Förderung und Klassenleitungsstunden
- Kleinere Klassen, um eine engere, persönlichere Beziehung zwischen Klasse und Lehrkräften zu bilden und damit auch ein besseres Lernklima
- Eine Schulsozialarbeiter-Vollzeitstelle pro 200 Schüler je Schule
- Unterstützung durch zusätzliche Verwaltungsmitarbeiter z. B. zur Fehlzeitenverwaltung
- Entlastung für Nachteilsausgleichsmaßnahmen
- Flächendeckendes AVdual-Angebot an allen Berufsschulstandorten
- Sicherung und Ausweitung der Unterstützung durch Personal für die Berufsorientierung (AVdual-Begleiter aufstocken)
- Auffangangebote für schulmüde bzw. demotivierte Schüler (auch nach mittlerem Bildungsabschluss) zum Übergang (in die duale Ausbildung)
- Mehr Berufliche Schulen ins Start-Chancen-Programm
- Mehr Handlungsspielraum zur Wiedereingliederung von Jugendlichen in den Schulalltag z.B. Wiedereingliederungsklassen bei Schulabsentismus
- Mehr behördliche Nachverfolgung und Bußgelder
- Mindestanwesenheit zur Erreichung des (Aus-) Bildungsziels
- Digitales Übergabemanagement zwischen den Schulen: Die aufnehmende Berufliche Schule hat keine Kenntnis zu den Fehlzeiten an der zuliefernden Schule und beginnt beim Fehlzeitenmanagement von vorne
- Weiterentwicklung der (Beruflichen) Schulen zu echten Lern-, Lebens- und Begegnungsorten
- Entlastung der Schulleitung zur Begleitung von Krankheits-, Wiedereingliederungs- und Krisenfällen
Annette Naumann | BLV-Standpunkt 1/2026
Veröffentlicht am 12. Juni 2026