Ein Blick ins Klassenzimmer – Beobachtungen und Forderungen

Zwei Personen sitzen am Schreibtisch und schreiben auf einen Notizblock. Vor ihnen liegt ein aufgeklappter Laptop mit einem Post-it.

Quelle: © iStockphoto.com/SeventyFour

Veröffentlicht am 18. Juni 2026

„Die jungen Leute von heute … aber früher …“ – Wenn Gespräche so anfangen, stoppe ich gerne. Was bringt der Vergleich mit „früher“, wenn ich heute handeln muss?

Klar ist: Bewährte Modelle funktionieren oft nicht mehr. Die aktuellen Herausforderungen zeigen sich konkret.

Im Vollzeitbereich:

  • Sprachliche Grundlagen fehlen: Viele verstehen einfache Arbeitsaufträge nicht ausreichend und können eigene Ergebnisse nicht dokumentieren – unabhängig vom Herkunftsland.
  • Bedürfnisse kollidieren: Der Wunsch nach Respekt und Aufmerksamkeit wird oft auf eine Weise erfüllt, die dem Lernen schadet.
  • Individuelle Autonomiebedürfnisse (Toilettengang, private Kommunikation, Essen) stören den Unterricht.
  • Individuelle Mehrfachbelastungen: Schwieriges Elternhaus, Schulverweigerung, Diagnosen – die der Schule verschwiegen werden, Wegfall von Nachteilsausgleich, lange Anfahrtswege, unzuverlässiger ÖPNV oder persönliche Krisen.
  • Kulturelle Konflikte: Rollenbilder aus Medien und anderen Kulturen treffen auf westlich geprägte Erwartungen des 20. Jahrhunderts.
  • Fehlende Anschlussfähigkeit: Kompetenzen aus der Lebenswelt zählen in der Schule wenig. Lerninhalte wirken nicht relevant.
  • Berufliche Orientierung: Viele sind orientierungslos. Ihr Wunschziel ist nicht erreichbar – oder sie haben noch kein klares Ziel.

Im dualen Bereich:

  • KI ersetzt Auseinandersetzung: konventionelle Aufgaben werden komplett mit KI erledigt – die wichtige Auseinandersetzung mit dem Lernstoff bleibt oberflächlich.
  • Fehlende Kontinuität: Mit dem Pausengong endet das Lernen. Bis zum nächsten Unterricht vergehen oft Wochen – vieles verblasst.
  • Woher kommen die Fachkräfte von morgen, wenn wir die jungen Menschen von heute nicht gut begleiten? Niemand darf verloren gehen.

Der BLV fordert:

  • Sprachförderung in allen Schularten des beruflichen Schulsystems, individuell gestaltbar (z. B. als Wahlpflichtfach)
  • Zeit für Klassenleitungen: für Demokratiebildung, Empathie, Selbstmanagement und Schülercoaching im Klassenverbund
  • Langfristig gesicherte Schulsozialarbeit
  • Entlastung der Klassenleitungen von Verwaltungsaufgaben (Entschuldigungsmanagement, Einverständniserklärungen)
  • Transparenz in der Bildungskarriere durch eine SchülerID
  • Ausbau von Innovationselementen (z. B. innolabBS), um die außerschulische Lebenswelt in den Unterricht einzubinden
  • Schule als Wertebotschafter: konkrete Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Prägung (z. B. durch Quartiersarbeit)

 

Bernd Baisch | BLV-Standunkt 1/2026

Veröffentlicht am 18. Juni 2026

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