Die leise Fachkräfteschmiede der Wirtschaft

Veröffentlicht am 7. September 2026

Berufliche Schulen sind die leise Fachkräfteschmiede unseres Landes. BLV-Vorsitzender Christoph Franz zeigt in seinem Gastbeitrag für die BNN, vor welchen Herausforderungen Lehrkräfte heute stehen und warum Berufliche Schulen für die Fachkräftesicherung unverzichtbar sind.

Im Klassenzimmer sitzen 34 Schülerinnen und Schüler. Lehrkraft Maier hat über 20 Jahre Berufserfahrung und gibt der Klasse den Arbeitsauftrag: „Ihr messt jetzt den Blutdruck bei eurem Partner und tragt die Werte in die Patientenkurve ein.“ Maier sagt den Satz einmal, klar und langsam, so wie sie es seit zwanzig Jahren tut. Dann geht sie los, um zu sehen, was davon ankommt.

Am ersten Tisch ist Lea schon fertig, bevor Maier den Raum halb durchquert hat. Sie hat die Kurve sauber ausgefüllt, fragt stattdessen, ob sie schon mit der nächsten Aufgabe anfangen kann. Maier nickt im Vorbeigehen.

Zwei Plätze weiter steht Dorentina mit der Manschette in der Hand und schaut auf das Blutdruckmessgerät, dann auf das Arbeitsblatt, dann wieder auf das Gerät. „Systolisch“ kennt sie aus dem letzten Halbjahr, aber wo der Wert in der Kurve einzutragen ist, weiß sie nicht genau. Sie ist vor zwei Jahren aus dem Kosovo gekommen, ihr Fachvokabular ist besser als ihre Grammatik. Maier legt stumm den Finger auf die richtige Stelle in der Kurve. Dorentina nickt, macht weiter.

Am Fenstertisch liegt die Manschette unberührt neben Michaels Ellbogen. Er hat die Anweisung gehört, das Gerät in der Hand gehabt, dann waren seine Gedanken wieder ganz weit weg von der Schule – er kann sich nicht konzentrieren und wählt gerne mehrmals in der Stunde den Gang zur Toilette, um aus dem Unterricht zu flüchten. Das Muster wiederholt sich seit dem ersten Schultag.

Die beschriebenen Situationen sind typisch für den Unterricht heute – an allen Schulen in ganz Baden-Württemberg. Eine Lehrkraft hat früher eine Klasse unterrichtet. Heute unterrichtet sie mehrere Lerngruppen gleichzeitig in einem Raum. Vor 15 Jahren war es noch die große Herausforderung den Unterrichtsstoff gut zu vermitteln. Heute ist die größte Herausforderung, überhaupt erst herauszufinden, wer im Raum was braucht, bevor der Unterricht beginnt. Die Schülerschaft ist vielfältiger geworden und damit auch die Anforderungen an die Lehrkräfte.

Berufliche Schulen sind Durchlauferhitzer. Das bedeutet, sie haben ein bis drei Jahre Zeit, um Schülerinnen und Schüler zum Abschluss zu bringen. Das kann eine Berufsausbildung oder ein Meister-/Technikerabschluss sein, um der Wirtschaft die dringend benötigten Fachkräfte zu liefern. Das kann ein Bildungsgang sein, der zum Hauptschul-, Realschulabschluss, zur Fachhochschulreife oder zum Abitur führt. Das kann aber auch einfach eine Schulart sein, die jungen Menschen hilft den richtigen Beruf zu finden und dafür erforderliche Qualifikationen vermittelt.

Das klingt sehr komplex und lässt sich am Beispiel der Peter-Bruckmann-Schule in Heilbronn schön in Zahlen darstellen. Die Schule wird von 2.000 Schülerinnen und Schülern besucht. Sie bietet in über 30 Bildungsgängen die oben beschriebenen beruflichen Abschlüsse im Ernährungsbereich sowie in der Gesundheit und Pflege an. Jeden Sommer dürfen circa 800 Absolventinnen und Absolventen die Schule mit einem Abschlusszeugnis verlassen.

Jedes Jahr im September haben dann 800 junge Menschen ihren ersten Berufsschultag. Für die 120 Lehrkräfte der Schule bedeutet das neue Klassen, mit neuen Charakteren, Besonderheiten und Herausforderungen. Je Lehrkraft bedeutet das etwa 120 neue Namen lernen, manchmal auch 250. Wobei der Name das Geringste ist. Viel bedeutender ist die Frage, welcher Lerntyp steckt hinter dem Namen und wie muss der Unterricht auf diese neue Lerngruppe zugeschnitten werden. Das ist ein Paket, das man sich in Ruhe in den Ferien zurechtlegt, um dann im Schulalltag schnell das richtige Mittel an der Hand zu haben.

Dabei ist Schule nur der Spiegel der Gesellschaft. Betriebe klagen zunehmend über genau das, was sich in der beschriebenen Unterrichtsstunde zeigt: Lücken bei Grundkompetenzen, aber auch bei Belastbarkeit und Durchhaltevermögen der Auszubildenden.

Berufliche Schulen beheben hier einige Schwächen. Ihr Vorteil: Durch den beruflichen Fokus verändert sich das Lernen. Neue Fächer, der mögliche Beruf und die greifbare Zukunft vermitteln eine andere Motivation. Im Unterricht hat eine Lehrkraft jedoch zu viele Aufgaben zu lösen, die mit dem eigentlichen Lernen nichts zu tun haben. Ohne die Lösung dieser Aufgaben ist ein Lernen im Klassenzimmer allerdings nicht möglich.

Konkret: Wer sich im Unterricht nicht konzentrieren kann, da außerhalb der Schule andere Probleme im Vordergrund stehen, der braucht Unterstützung durch Sozialarbeit oder Schulpsychologie. Das kostet Geld. Wenn der Jugendliche nicht zum Abschluss kommt und über staatliche Unterstützungsmaßnahmen ein Leben lang begleitet werden muss, ist das deutlich teurer.

Sprache ist ebenfalls ein Schlüssel zum Erfolg. Wer dem Unterricht nicht folgen kann, ist auch in den meisten Berufen nicht arbeitsfähig. Sprachliche Defizite gibt es auch immer öfter bei Menschen ohne Migrationshintergrund, da zu Hause heute fast nicht mehr gelesen wird und am Mobiltelefon per Messenger kommuniziert wird. Letzteres dann nicht selten mit wenigen Worten, nur noch in Kleinschrift oder gleich per Sprachnachricht ohne stressige Texteingabe.

Was im oben beschriebenen Klassenzimmer gelingt, ist am Ende keine Frage einer einzelnen Lehrkraft. Es ist die Frage, wie viel uns diese Schulart wert ist. Berufliche Schulen sind mehr als ein Ort der Ausbildung. Sie sind die leise Fachkräfteschmiede des Landes – leiser als jede Debatte über Gymnasium oder Studium, aber entscheidender für die Wirtschaft von morgen.

Gastbeitrag von Christoph Franz, zu lesen in Badische Neueste Nachrichten Externer Link

Veröffentlicht am 7. September 2026

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