PM zur LPK zur Zukunft der Beruflichen Schulen: Das Neun-Punkte-Programm des BLV

Veröffentlicht am 16. April 2026

Werkbank der Wirtschaft darf nicht auf der Warteschleife bleiben

Zukunft des Wirtschaftsstandorts BW entscheidet sich in den Beruflichen Schulen: Das Neun-Punkte-Programm des BLV

Wer nach der Landtagswahl Verantwortung in Baden-Württemberg übernehmen will und dieses Land durch wirtschaftlich schwierige Zeiten führen möchte, kommt an den Beruflichen Schulen nicht vorbei.

Warum Berufliche Schulen systemrelevant sind

Denn an unseren Schulen entscheidet sich nicht irgendein Spezialthema der Bildungspolitik. Hier entscheidet sich, ob Betriebe morgen noch Fachkräfte finden. Hier entscheidet sich, ob Integration gelingt. Hier entscheidet sich, ob junge Menschen nach Brüchen und Umwegen wieder Anschluss finden – oder ob sie verloren gehen.

Deshalb sagen wir klar: Die Beruflichen Schulen in Baden-Württemberg sind kein Randbereich des Bildungssystems. Sie sind Zukunftsinfrastruktur für unser Land. Mehr als 70 Prozent aller Schülerinnen und Schüler durchlaufen in ihrer Bildungsbiografie mindestens eine Berufliche Schule. Wir sind in dieser Form bundesweit einmalig und ein Erfolgsmodell made in Baden-Württemberg. Wer Baden-Württemberg wirtschaftlich stark halten will, muss die Beruflichen Schulen stark und zukunftsfit machen.

Baden-Württemberg lebt von Industrie, Handwerk, Mittelstand, Pflege, Technik, IT, Dienstleistung und Innovation. Und vieles, worüber im Wahlkampf gesprochen wurde – wirtschaftliche Stärke, Wettbewerbsfähigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Aufstieg durch Leistung, Fachkräftesicherung – entscheidet sich ganz konkret in Werkstätten, Laboren und Klassenzimmern unserer rund 300 Beruflichen Schulen an denen fast 22.0000 Lehrkräfte wirken.

Vier Leistungen in einem System

Diese Schulen leisten vier Dinge gleichzeitig:

  • Sie bieten berufliche Orientierung
  • Sie qualifizieren für Berufe
  • Sie eröffnen hochwertige schulische Abschlüsse, getreu dem Motto „kein Abschluss ohne Anschluss“
  • Und sie schaffen Chancen, für diejenigen, die besonderen Herausforderungen gegenüberstehen

Berufliche Schulen als Aufstiegs- und Anschlussort

Berufliche Schulen sind der Ort, an dem aus einem Fehlstart doch noch ein Abschluss wird. Der Ort, an dem aus einem Schulabbruch wieder eine Perspektive wird. Der Ort, an dem aus einem jungen Menschen, der sich lange als gescheitert erlebt hat, wieder ein Auszubildender oder eine Fachkraft werden kann. Aber sie sind eben auch der Ort, an dem leistungsstarke junge Menschen nach dem mittleren Abschluss bewusst den nächsten Schritt gehen: an dem aus einer guten Schülerin eine angehende Technikerin, aus einem engagierten Realschüler ein Abiturient am Beruflichen Gymnasium, aus Talent eine Karriere wird.

Und wir sagen ebenso klar: Nach dem Abschluss der Sekundarstufe I muss in Baden-Württemberg gelten: Wer nicht bereits am Gymnasium mit klarem Studienziel unterwegs ist, findet an den Beruflichen Schulen den richtigen Anschluss. Denn dort werden junge Menschen nicht nur allgemeinbildend weitergeführt, sondern zugleich realitätsnah auf Beruf, Ausbildung, Studium und Arbeitswelt vorbereitet. Gerade leistungsstarke oder noch unentschlossene Jugendliche profitieren von diesem Weg, weil er Orientierung, Praxisnähe und alle Aufstiegsmöglichkeiten verbindet – bis hin zum Abitur.

Die Aufstiegsperspektive an Beruflichen Schulen endet nicht mit dem Abitur oder der Ausbildung. Es ist auch wichtig, die Fachschulen, also Meister- und Technikerschulen, gezielt zu stärken und gemeinsam mit Betrieben zusätzliche modulare Qualifikationen auszubauen. Die im Wahlkampf beschworene Gleichwertigkeit von akademischer und Beruflicher Bildung muss sich endlich auch in konkreter Politik zeigen. Baden-Württemberg braucht eine Berufliche Bildung, die echte Entwicklungs-, Aufstiegs- und Karrierewege eröffnet.¹

Politische Nachrangigkeit beenden

Wenn es Grüne und Union ernst meinen mit wirtschaftlicher Stärke, Innovationsfähigkeit und gesellschaftlicher Stabilität, dann müssen die Beruflichen Schulen im Koalitionsvertrag sichtbar werden und dürfen nicht nur in einer Fußnote verschwinden. Berufliche Schulen erleben seit Jahren, dass sie bei Reformen, Schwerpunktsetzungen und selbst bei zusätzlichen Ressourcen zu oft zuletzt mitgedacht werden. Dieses Muster muss in der neuen Legislaturperiode durchbrochen werden. Wer ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler im Land trägt, darf bildungspolitisch nicht länger wie ein Nebenschauplatz behandelt werden. Zu oft standen in den vergangenen Jahren andere schulpolitische Großdebatten im Mittelpunkt – die Rückkehr zu G9 ebenso wie die Auseinandersetzungen um die Zukunft der weiterführenden Schularten. Die Beruflichen Schulen gerieten dabei zu oft aus dem Blick.

Anforderungen und Alltag an den Beruflichen Schulen

Wer über Berufliche Schulen spricht, muss über Wirklichkeit sprechen – nicht über die Hochglanzbroschüre, sondern über den Alltag. Und dieser Alltag ist härter geworden. Die Schülerschaft ist vielfältiger. Die Lernvoraussetzungen gehen weiter auseinander. Die sprachlichen Ausgangslagen sind breiter. Die sozialen Belastungen sind sichtbarer. Und der Druck auf junge Menschen wächst.

Psychischer Druck und Belastung nehmen zu

Das aktuelle Deutsche Schulbarometer 2025/26 zeigt: Rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen weist Hinweise auf psychische Belastung auf. Gleichzeitig sagen 61 Prozent, dass an ihrer Schule viel verlangt wird, 47 Prozent berichten, dass sie auch am Wochenende lernen müssen, um alles zu schaffen, und rund ein Drittel hat das Gefühl, man könne es sich kaum leisten, krank zu werden, weil man sonst den Anschluss verliert.²

Das sind keine abstrakten Zahlen. Das ist der Schüler, der montags zur Klassenarbeit kommt, obwohl er krank ist, weil er Angst hat, sonst nicht mehr mitzukommen. Gleichzeitig ist es die Schülerin, die nicht am Unterricht teilnimmt, da sie am Folgetag eine Klassenarbeit schreibt und heute dafür lernt und den aktuellen Unterrichtsstoff dadurch verpasst. Das ist die junge Frau in der Berufsschule, die am Wochenende nicht ausruht, sondern Stoff nachholt. Das ist der Auszubildende, der zwischen Betrieb, Schule, Prüfungsdruck und Geldsorgen versucht, irgendwie durchzuhalten.

Und dieser Druck endet nicht mit dem Schultag. Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ zeigt eine junge Generation, die leistungsbereit ist, aber immer stärker an ihrer Zukunft zweifelt: 29 Prozent sagen, dass sie psychologische Unterstützung benötigen, und 23 Prozent haben Schulden.³

Berufliche Schulen arbeiten mit den Suchenden und Hochmotivierten

Für unsere Beruflichen Schulen steht das mitten im Kern unseres Auftrags. Denn wir arbeiten mit genau den jungen Menschen, die zwischen Belastung und Neuanfang stehen: mit hoch motivierten Jugendlichen, mit jungen Menschen auf der Suche nach Orientierung, mit Zugewanderten, mit Spätstarterinnen und Spätstartern und mit denen, die Umwege hinter sich haben und trotzdem etwas aus ihrem Leben machen wollen.

Genau darin liegt die Stärke der Beruflichen Schulen: Sie sortieren nicht nur. Sie eröffnen Wege. Aber diese Stärke fällt nicht vom Himmel. Sie braucht Ressourcen. Vor allem braucht sie Sprache. Ohne Sprache keine Ausbildung. Ohne Sprache keine Prüfung. Ohne Sprache keine Sicherheit im Betrieb. Ohne Sprache keine Teilhabe. Und sie braucht Menschen, die unterstützen können. Denn Lehrkräfte können viel. Aber sie können nicht gleichzeitig Fachlehrkraft, Sozialarbeiterin, Psychologe, Integrationsmanagerin, IT-Beauftragter, Verwaltungskraft und Krisenhelfer sein.

Wenn wir wollen, dass junge Menschen gern zur Schule gehen, Abschlüsse erreichen und in Ausbildung bleiben, dann müssen wir die Bedingungen stärken, unter denen das gelingt. Wer diese Zahlen kennt und trotzdem so tut, als könnten Schulen immer neue Aufgaben schultern stemmen, ignoriert die Realität.

Sprachförderung, Berufsvorbereitung und Unterstützungssysteme

Deshalb sagen wir klar: Sprachförderung muss strukturell abgesichert werden. Berufsvorbereitung darf nicht auf Kante genäht sein. Und multiprofessionelle Teams sind kein Luxus, sondern Voraussetzung dafür, dass Unterricht überhaupt seine Wirkung entfalten kann. Dazu kommt der Lehrkräftemangel. Die KMK-Prognose zeigt für ganz Deutschland beim Lehramt an Beruflichen Schulen eine dauerhafte Unterdeckung. Und auch für Baden-Württemberg ist die Lage eindeutig: Für 2025 bis 2027 weist die KMK in Baden-Württemberg einen Bedarf von 1.850 Lehrkräften an Beruflichen Schulen aus, aber nur ein Angebot von 750. Für 2031 bis 2035 steigt der Bedarf im Land auf 4.900, bei einem Angebot von lediglich 1.250.⁴

Lehrkräftemangel wird zum Strukturproblem

Wir sagen ebenso klar: In einer solchen Lage ist auch die aktuelle Diskussion über eine Abschaffung des Beamtentums für Lehrkräfte das falsche Signal. Die Beruflichen Schulen stehen in direkter Konkurrenz zur Wirtschaft, wenn es um qualifizierte Fachkräfte geht. Wer in dieser Situation die Attraktivität und Verlässlichkeit des Lehrerberufs infrage stellt, verschärft nach unserer Überzeugung den Personalmangel, statt ihn zu lösen. Der Kampf um die klugen Köpfe hat längst begonnen und anders als die Schulen punkten die Wirtschaftsunternehmen mit Homeoffice, wöchentlich individuellen sowie flexiblen Arbeitszeiten, Dienstwagen und vielen anderen Goodies.

Lehrerberuf stärken statt schwächen

Wer in Zeiten des Lehrkräftemangels den Lehrerberuf politisch unattraktiver macht, verschärft das Problem, statt es zu lösen. Wir reden hier nicht über einen Wunschzettel, sondern über eine ganz praktische Frage: Wie gewinnt und hält Baden-Württemberg qualifizierte Lehrkräfte für seine Beruflichen Schulen? Dafür braucht es politische Verlässlichkeit, echte Anerkennung im Regierungshandeln und attraktive Rahmenbedingungen. Dazu gehört auch, dass sich die lange Ausbildung, das Studium und die hohe Verantwortung im Beruf angemessen in der Bezahlung widerspiegeln. Das Abstandsgebot in den Entgelttabellen muss deshalb deutlich eingehalten werden. Doch zur Belastung im System gehört nicht nur der Personalmangel. Hinzu kommt, dass Schulen immer mehr zusätzliche Aufgaben übernehmen sollen, ohne dass dafür Zeit, Personal und Entlastung mitwachsen.

Konzeptionitis belastet Schulen zunehmend

Ein zentraler Punkt ist die zunehmende Übersteuerung des Systems, die viele Lehrkräfte und Schulleitungen inzwischen stärker belastet als mancher offene Konflikt im Unterricht. Für fast jedes Problem kommt ein neues Konzept. Für fast jede neue Schwerpunktsetzung kommt eine neue Dokumentationspflicht. Für fast jede neue Idee müssen an jeder einzelnen Schule wieder Statistiken, Nachweise, Protokolle und Papiere produziert werden. Das ist nicht kluge Steuerung. Das ist Konzeptionitis. Und Konzeptionitis kostet genau die Zeit, die wir für Unterricht und pädagogische Arbeit brauchen. Und diese Konzeptionitis trifft nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Schulleitungen. Denn Schulleitungen führen heute nicht nur Schulen. Sie koordinieren Prozesse, schreiben Stellungnahmen, pflegen Berichtsschleifen, stimmen Konzepte ab, dokumentieren Maßnahmen, organisieren Evaluationen und sollen gleichzeitig Personal führen, Unterrichtsentwicklung voranbringen, Krisen bewältigen, den Schulalltag koordinieren und die Schulgemeinschaft zusammenhalten.

Wenn Steuerung Zeit frisst

Das heißt konkret: Statt Zeit für Unterrichtsentwicklung, Personalführung oder Gespräche mit Schülerinnen und Schülern, Eltern und Betrieben zu haben, sitzen Schulleitungen immer häufiger an Nachweisen, Rückmeldungen und Konzeptfassungen. Dann fehlt die Zeit, mit einer Lehrkraft über Entlastung oder Unterstützung zu sprechen. Dann fehlt die Zeit, mit einem Ausbildungsbetrieb eine Lösung zu finden, bevor ein Konflikt eskaliert. Und dann fehlt die Zeit für das Gespräch mit einem Jugendlichen, bei dem gerade noch verhindert werden könnte, dass er die Schule oder die Ausbildung ganz verliert.

Wenn Hilfe zu spät kommt

Was auf dem Papier nach Steuerung aussieht, ist in der Praxis oft gebundene Führungszeit. Und auch im Kollegium ist das spürbar. Gerade beim Schulabsentismus zeigt sich das Problem besonders deutlich: Wenn Jugendliche beginnen, sich aus Schule und Ausbildung zurückzuziehen, wäre eigentlich schnelles pädagogisches Handeln gefragt.⁵ Stattdessen wird oft zunächst dokumentiert, eingeordnet, abgestimmt und weitergereicht. Natürlich braucht es Sorgfalt. Aber wenn Verfahren wachsen und Hilfe auf sich warten lässt, verliert das System genau dort Zeit, wo schnelles Handeln entscheidend wäre. Und auch an anderer Stelle binden neue Vorgaben zusätzliche Zeit: etwa dann, wenn schulische Konzepte und Qualitätssicherung rund um Berufliche Orientierung fortgeschrieben und nachgehalten werden müssen.⁶

Das Deutsche Schulbarometer Lehrkräfte 2025 zeigt, was Lehrkräfte als größte Herausforderungen erleben: 34 Prozent nennen Arbeitsbelastung und Zeitmangel, 23 Prozent Bildungspolitik und Bürokratie und 20 Prozent Personalmangel.⁷ Wir erleben das an vielen Stellen: beim ständigen Fortschreiben von Schulentwicklungs- und Medienkonzepten, bei zusätzlichen Dokumentations- und Evaluationspflichten, bei immer neuen Abfragen, Berichten und Rückmeldeschleifen, bei parallel laufenden Vorgaben zu Prävention, Digitalisierung, Qualitätsentwicklung oder individuellen Förderkonzepten und bei der Erwartung, dass jede einzelne Schule für neue Herausforderungen sofort eigene Papiere, Zuständigkeiten und Verfahren zum Nulltarif entwickelt. Gerade vor dem Hintergrund des Lehrkräftemangels ist das politisch grob fahrlässig. Denn die Personalreserve, mit der man solche Zusatzaufgaben auffangen könnte, gibt es nicht – noch nicht mal auf dem Papier!

Digitale Transformation braucht moderne Ausstattung

Gleichzeitig stehen unsere Schulen mitten in der digitalen und technologischen Transformation. Eigentlich müssten sie hier ganz vorne stehen, weil sie direkt für eine Arbeitswelt qualifizieren, die sich rasant verändert. Die KMK hat 2024 ausdrücklich empfohlen, geeignete KI-Anwendungen für den Bildungsbereich weiterzuentwickeln, Schulen Freiräume zu geben und die Kompetenzentwicklung der Lehrkräfte systematisch zu unterstützen.⁸

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft aber noch immer eine große Lücke. Wer in einer Kfz-Klasse moderne Diagnoseverfahren unterrichten soll, braucht digitale Ausstattung auf der Höhe der Zeit. Wer in der Pflege auf eine zunehmend digitalisierte Praxis vorbereiten soll, kann nicht mit instabilen Netzen und veralteten Geräten arbeiten. Wer in IT-, Metall- oder kaufmännischen Bildungsgängen auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten soll, braucht verlässliche Infrastruktur, rechtssichere Anwendungen und klare Rahmenbedingungen für den Einsatz von KI. Wer die Verwaltungs-, Büro- und Führungskräfte von morgen ausbilden soll, kann nicht mit Software arbeiten, die nicht „State of the Art“ ist. Wer auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten soll, kann nicht mit Technik von gestern und rechtlicher Unsicherheit von heute arbeiten.

Darum ist unsere Botschaft an die Politik eindeutig: Weniger Papier, mehr Vertrauen, weniger Parallelkonzepte an jeder einzelnen Schule und mehr zentrale, praxistaugliche sowie anpassbare Lösungen. Berufliche Schulen dürfen nicht mit Technik von gestern auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten.

Für die kommenden Koalitionsverhandlungen richtet der BLV eine klare Botschaft an die politischen Entscheidungsträger:

BLV-Forderungen im 9-Punkte-Programm:

  1. Die Beruflichen Schulen in Baden-Württemberg brauchen im künftigen Koalitionsvertrag ein sichtbares Schwerpunktkapitel – als strategischer Bereich für Fachkräftesicherung, Integration, Übergänge und Weiterbildung an unseren Schulen. Dazu gehört ausdrücklich auch, die berufliche Orientierung stärker an den Beruflichen Schulen selbst zu verankern. Denn dort gibt es die Fachlehrkräfte, die Werkstätten, die Labore und die Lernumgebungen, in denen Berufe nicht abstrakt erklärt, sondern konkret erfahrbar werden.
  2. Wir brauchen ein Sofortprogramm gegen Bürokratie und Konzeptionitis. Die neue Landesregierung sollte in den ersten Monaten systematisch prüfen, welche Konzepte, Erhebungen, Berichtspflichten und Nachweisschleifen tatsächlich einen nachweisbaren Nutzen für Unterricht und Schulentwicklung haben. Alles andere gehört gestrichen oder vereinfacht. Was landesweit gleich ist, darf nicht an unseren rund 300 Schulen parallel neu erfunden werden müssen.
  3. Sprachförderung muss dauerhaft abgesichert werden. Sie ist an Beruflichen Schulen längst eine Daueraufgabe. Tausende Jugendliche werden in VABO und im Übergangsbereich begleitet, und der Sprachförderbedarf endet nicht mit dem Wechsel, z. B. in eine Ausbildung. Genau hier fehlt oft die strukturelle Absicherung: zu wenig Personal, zu viele befristete Lösungen und zu viele Brüche zwischen Vorbereitung, Regelunterricht und Ausbildung. Wer Integration politisch will, muss deshalb Sprachförderung als verlässlichen Bestandteil Beruflicher Bildung absichern.⁹
  4. Berufsvorbereitung muss verlässlich finanziert werden. Gerade bei den AVdual-Begleiterinnen und -Begleitern zeigt sich, wie wichtig tragfähige Strukturen sind: Das Wirtschaftsministerium fördert diese Stellen, zugleich setzt das Modell eine Kofinanzierung der Stadt- und Landkreise voraus. Wer dieses Instrument politisch will, muss deshalb auch seine Finanzierung dauerhaft und planbar absichern.¹⁰
  5. Baden-Württemberg braucht eine echte Personaloffensive für die Beruflichen Schulen. Ob Lehrkräfte gewonnen werden und im System bleiben, entscheidet sich nicht nur an den Hochschulen, sondern vor allem im Schulalltag. Wer Lehrkräfte halten will, muss ihnen Bedingungen bieten, unter denen guter Unterricht möglich ist: weniger Bürokratie, mehr Entlastung, verlässliche Unterstützung, attraktive Entwicklungsperspektiven und klare Zugangswege in den Beruf.
  6. Multiprofessionelle Teams müssen verbindlich ausgebaut werden. Das Schulbarometer 2025/26 zeigt klar, wie stark psychische Belastung, Leistungsdruck und Mobbing heute den Schulalltag prägen; 30 Prozent der 11- bis 17-Jährigen berichten, im letzten Schuljahr mindestens monatlich Mobbing erlebt zu haben. Wo psychische Belastungen, Gewalt, Schulabsentismus und soziale Problemlagen zunehmen, gehören Schulsozialarbeit, Sonderpädagogen, Schulpsychologen, Berufseinstiegsbegleitung und unterstützende Fachkräfte in die personelle Grundausstattung Beruflicher Schulen.¹¹
  7. Baden-Württemberg braucht für seine Beruflichen Schulen verbindliche digitale Mindeststandards und eine echte KI-Offensive. Dazu gehören verlässliche Netze, zeitgemäße Endgeräte, professionelle IT-Administration, rechtssichere Anwendungen und systematische Fortbildung für Lehrkräfte. Es darf nicht länger vom kommunalen Haushalt oder vom Engagement Einzelner abhängen, ob eine Schule digital arbeitsfähig ist. Wer auf die Arbeitswelt von morgen vorbereiten will, muss die Beruflichen Schulen so ausstatten, dass sie mit den technologischen Veränderungen Schritt halten können.
  8. Der ländliche Raum darf bei den Beruflichen Schulen nicht abgehängt werden. Die künftige Landesregierung muss eine regionale Schulentwicklung mit Augenmaß sichern, Erreichbarkeit und Angebotsbreite mitdenken und Schulstandorte nicht nur unter kurzfristigen Effizienzgesichtspunkten betrachten. Wo Berufliche Schulen geschwächt werden, geraten auch Ausbildungswege, mittelständische Betriebe und ganze Regionen unter Druck.
  9. Die Attraktivität des Lehrerberufs an Beruflichen Schulen muss gestärkt und nicht beschädigt werden. Gerade in Zeiten des dokumentierten Mangels braucht Baden-Württemberg ein klares Signal für Verlässlichkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Anerkennung dieses Berufs. Wer den Lehrerberuf politisch unattraktiver macht, verschärft die Personalprobleme. Wer qualifizierte Fachleute für Berufliche Schulen gewinnen will, muss attraktive Rahmenbedingungen sichern, statt neue Unsicherheit zu schaffen.

Baden-Württemberg braucht zu Beginn der neuen Legislaturperiode eine Enquete-Kommission Bildung. Die letzten großen schulpolitischen Reformen wurden unter erheblichem Zeitdruck vorbereitet; Wissenschaft und Betroffene blieben dabei vielfach auf der Strecke. Wer jetzt Vertrauen zurückgewinnen und Bildungspolitik nachhaltig aufstellen will, muss politische Entscheidungen auf breiteren Konsens gründen – mit Bildungswissenschaft, mit schulischer Praxis und mit den Menschen, die die Folgen dieser Entscheidungen jeden Tag tragen.¹²

Unsere Botschaft an die Verhandler ist eindeutig: Wer Stabilität, Fachkräftesicherung und Integration sichern will, muss die Beruflichen Schulen stärken. Nicht später. Sondern jetzt.

 

Quellen: 
¹UBW und BLV, Exzellenz in der beruflichen Bildung sichern – vier zentrale Forderungen, 2026: Stärkung von Fachschulen (Meister- und Technikerschulen) und Ausbau qualitätsgesicherter modularer Zusatzqualifikationen gemeinsam mit Betrieben. PDF.
²Robert Bosch Stiftung (2026). Deutsches Schulbarometer: Befragung Schüler:innen 2025. Ergebnisse von 8- bis 17-Jährigen und ihren Erziehungsberechtigten zu Wohlbefinden, Unterrichtsqualität, Partizipationsmöglichkeiten und (Cyber-)Mobbing. Stuttgart: Robert Bosch Stiftung. PDF Externer Link.
³Hampel, Kolleck, Schnetzer (2026): Jugend in Deutschland 2026. Vgl. Deutsches Schulportal, Meldung vom 25.03.2026. Link Externer Link.
⁴Kultusministerkonferenz (2025): Lehrkräfteeinstellungsbedarf und -angebot in der Bundesrepublik Deutschland 2025 bis 2035, Dokumentation Nr. 247, 18.12.2025. PDF Externer Link.
⁵Kultusministerium Baden-Württemberg, Handreichung Schulabsentismus (2021): PDF Externer Link.
⁶Baden-Württemberg, Verwaltungsvorschrift Berufliche Orientierung vom 13.09.2025 sowie begleitender Qualitätsrahmen: schulisches BO-Konzept, Qualitätssicherung und weitere Umsetzungsanforderungen. Vgl. Link Externer Link.
⁷Robert Bosch Stiftung (2025): Deutsches Schulbarometer: Befragung Lehrkräfte. Ergebnisse zur aktuellen Lage an allgemein- und berufsbildenden Schulen. Stuttgart: Robert Bosch Stiftung. PDF Externer Link.
⁸KMK (2024): Handlungsempfehlung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen, 10.10.2024. PDF Externer Link.
⁹Zum anhaltenden Sprachförderbedarf in VABO und Übergängen: Kultusministerium Baden-Württemberg, Informationen zu Beschulungsformaten/VABO und beruflicher Orientierung. Link Externer Link.
¹⁰Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, Förderprogramm AVdual-Begleiter/-innen: Projektförderung als Anteilsfinanzierung für Personalkosten; Kofinanzierung durch Stadt- oder Landkreise erforderlich. Link Externer Link.
¹¹Robert Bosch Stiftung (2026). Deutsches Schulbarometer: Befragung Schüler:innen 2025. Ergebnisse von 8- bis 17-Jährigen und ihren Erziehungsberechtigten zu Wohlbefinden, Unterrichtsqualität, Partizipationsmöglichkeiten und (Cyber-)Mobbing. Stuttgart: Robert Bosch Stiftung. PDF Externer Link.
¹²Gemeinsame Pressemitteilung von BLV, GEW, GSV, LEB, LEBK, LSBR, PHV und VBE vom 25.03.2026: Forderung nach einer Enquete-Kommission Bildung zu Beginn der Legislaturperiode. Link.

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Veröffentlicht am 16. April 2026

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