Landespressekonferenz des BLV

Schutzmaßnahmen verstärken, Schulleitungen entlasten und den drohenden Lehrermangel rechtzeitig abfangen. Das fordert der Berufsschullehrerverband Baden-Württemberg zum Schulstart 2021.

  • Präsenzunterricht in Gefahr – Schutzmaßnahmen müssen verstärkt werden (BLV-Umfrage)

  • Bridge the Gap und Lernbrücken wenig erfolgreich – bei Lernen mit Rückenwind nicht die gleichen Fehler machen

  • Schulleitungen und Lehrkräfte enttäuscht – mehr Unterstützung und Entlastung notwendig

  • An beruflichen Schulen droht Lehrermangel wie an den Grundschulen.

     

    Die Vorsitzenden des BLV Michaela Keinath, Thomas Speck und Michael Niedoba (von links) bei der LPK am 8. September .

Stuttgart, den 8. September 2021 „Der Präsenzunterricht ist gefährdet. Ich habe große Zweifel, ob die Corona-Schutzmaßnahmen ausreichend sind“, zeigt sich der BLV-Vorsitzende Thomas Speck besorgt. Der Blick in andere Bundesländer zeigt, dass die Corona-Infektionen gerade auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen erheblich zunehmen. Dies betrifft besonders die beruflichen Schulen. „Die Maßnahmen des Kultusministeriums, wie das Freitesten, sind richtig. Darüber hinaus braucht es dringend weitere Anstrengungen, vor allem mehr Unterstützung für Schulleitungen und Lehrkräfte“, sagt Thomas Speck.

 

Impfangebote und Informationskampagne an beruflichen Schulen ausweiten
Das Impfen muss freiwillig bleiben. Es braucht aber eine umfassende Informationskampagne und mehr Impfangebote an den Schulen. Bereits vor den Sommerferien gab es Impfteams an einzelnen beruflichen Schulen. Dies sollte ausgeweitet werden. „Was wir jetzt brauchen, ist mehr Tempo bei den Impfangeboten mit mobilen Impfteams und eine bessere Entlastung für die Schulleitungen, wenn es um die Organisation vor Ort geht“, fordert der BLV-Vorsitzende. Weiterhin gilt es Schülerinnen und Schüler mit einer Informationskampagne rund ums Thema Impfen und Corona anzusprechen und aufzuklären, etwa über die sozialen Medien. Alle sind aufgerufen, sich zu informieren, ob eine Impfung für sie in Frage kommt. Die meisten Lehrkräfte sind nach BLV-Informationen inzwischen geimpft. Eine Auskunftspflicht bringt hier nichts, sondern lenkt nur davon ab, dass viele andere wichtige Maßnahmen noch nicht umgesetzt sind.

Testkonzept verbessern – externe mobile Testteams müssen unterstützen
Wissenschaftler der Universität Bonn haben die Daten der zweiten und dritten Corona-Welle ausgewertet. Ihre Ergebnisse belegen, dass Schnelltests effektiv zur Eindämmung des Coronavirus beitrugen: Hier finden Sie die dazugehörige Studie.

Ein gutes Testkonzept hilft, den Präsenzunterricht zu sichern. Daher sollten die bisherigen Testkonzepte weiterentwickelt werden. Immer noch kostet das Testen in der bisherigen Organisationsform wertvolle Unterrichtszeit. Weniger Unterrichtszeit bedeutet jedoch einen Verlust an Unterrichtsqualität. Es darf nicht sein, dass das Testen letztendlich zu Lasten der Schülerinnen und Schüler erfolgt. Dringend nötig sind zusätzliches Personal und externe Partner, zum Beispiel das DRK. So könnten die Tests außerhalb der Unterrichtszeit stattfinden, verkürzen nicht die reguläre Unterrichtszeit und begünstigen nicht weitere Lernlücken. „Die Überlegungen der Landesregierung, Quarantänezeiten mithilfe von mehr Tests in Schulen zu begrenzen, sind absolut richtig. Aber wann kommen die mobilen Testteams zur Entlastung der Schulen, um diesen Plan auch umzusetzen“, kritisiert Thomas Speck. Auch die Testverfahren sollten aktualisiert werden. Experten raten inzwischen zu PCR-Gruppentests (sog. Lollitests). So lässt sich nach Ansicht von Virologen eine große Anzahl an Testungen bei deutlich höherer Verlässlichkeit der Testergebnisse bewältigen.

Mund-Nasen-Schutz
Der BLV unterstützt die Empfehlungen der Gesundheitsexperten und die daraus resultierenden Vorgaben des Landes, in den Schulen bis auf weiteres einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Aufgrund steigender Inzidenzen und niedriger Impfquote sollte diese Pflicht aufrechterhalten bleiben, solange dies auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse ratsam ist.

Saubere Luft gibt es nicht zum Nulltarif – selbst CO2-Ampeln fehlen häufig
Laut BLV-Umfrage geben 53 von 180 beruflichen Schulen an, dass ihnen keine CO2-Ampeln zur Verfügung stehen. Weitere 30 Schulen verfügen nur über ein bis vier solcher Messgeräte. „Es ist mir vollkommen unverständlich, warum immer noch so viele CO2-Testgeräte fehlen. Es ist peinlich und traurig zugleich“, bemängelt der BLV-Vorsitzende. Auch mobile Luftreinigungsgeräte kommen so gut wie nicht zum Einsatz oder werden von den Schulträgern nicht als notwendig angesehen.122 von 180 befragten Schulen geben an, keine mobilen Luftfilter zum Schulstart einsetzen zu können. Zwar scheint der Einsatz mobiler Lüftungsgeräte nicht ganz so problemlos möglich zu sein, wie bei CO2-Ampeln. Dies darf aber nicht der Grund dafür sein, dass so wenige Schulen damit ausgestattet sind. „In den letzten Corona-Wellen hätte man den Einsatz von mobilen Luftfiltergeräten testen müssen. Daraus hätten klare Kriterien für Einsatz, Wartung und Anschaffung folgen können. Leider ist hier zu wenig passiert und jetzt herrscht große Unsicherheit bei den Schulträgern“, sagt Speck.

Der BLV hat die Berufsschulen Baden-Württembergs zum Thema „Lernbrücken und saubere Luft“ befragt (Start der Befragung: Ende Juli 2021). Insgesamt gab es bis Redaktionsschluss 180 Teilnahmen bei aktuell 278 Schulen in Baden-Württemberg.

Bridge the Gap und Lernbrücken wenig erfolgreich – bei Lernen mit Rückenwind nicht die gleichen Fehler machen – Anreize für Lehrkräfte und Schüler setzen
Bridge the Gap, das vom Kultusministerium im Zeitraum von den Pfingstferien bis zum Schuljahresende aufgelegte Förderangebot, konnten laut BLV-Umfrage nur 7 berufliche Schulen anbieten. Lernbrücken in den Sommerferien fanden laut Kultusministerium nur an 67 (im Vorjahr 164) aller beruflichen Schulen statt. Dies liegt – außer am geringen Interesse der Schüler – vor allem an der Überlastung von Schulleitungen und Lehrkräften. Unterrichtsbegleitende Fördermaßnahmen sind sinnvoller. Daher unterstützt der BLV auch das Programm Lernen mit Rückenwind. Mit dem Online-Registrierungsportal für unterstützende Lehrkräfte, pädagogische Assistenten und/oder weitere Kooperationspartner ist dem Kultusministerium ein guter Start gelungen. Dass auch Auszubildende an den Fördermaßnahmen teilnehmen können, ist ein wichtiges Zeichen für die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung. Sehr erfreulich ist das umfangreiche Angebot: Fachinhalte werden ebenso gefördert, wie das soziale Lernen. Bei der Umsetzung von Rückenwindkursen sollten die beruflichen Schulen eigenständig wählen können, welches Förderkonzept und welche externen Partner am besten zu ihrer jeweiligen Situation passen. „Rückenwind muss attraktiv sein, für Schülerinnen und Schüler und für Lehrkräfte, nur dann wird es auch erfolgreich sein. Die geplante Vergütung ist für vorhandene Lehrkräfte leider wenig attraktiv und könnte dazu führen, dass gerade in den Mangelbereichen der berufsbezogenen Fächer kein geeignetes Personal gefunden werden kann“, warnt der BLV-Vorsitzende Thomas Speck.

Schulleitungen und Lehrkräfte enttäuscht – mehr Unterstützung und Entlastung gewünscht
„Es muss gelingen Lernen mit Rückenwind mit schlanken Organisations- und Verwaltungsprozessen auf die Reihe zu bekommen. Eine sofortige Entlastung ist dringend erforderlich“, fordert Thomas Speck. Die Schulleitungen und Lehrkräfte ächzen unter der Last von Corona an den Schulen. Ständig ändern sich die Verordnungen, wie die Test-und Hygienekonzepte, die Kommunikation darüber mit Schülern und Eltern oder der Abstimmungsbedarf mit den Ausbildungsbetrieben als dualem Partner. Dies alles hat sich mit Corona potenziert und erdrückt die Schulleitungsteams und die Lehrkräfte. „Alle wünschen sich Präsenzunterricht. Bei der Umsetzung der Schutzmaßnahmen fühlen sich Lehrkräfte und Schulleitungen aber häufig überfordert und alleingelassen“, stellt Thomas Speck enttäuscht fest.

Bei der BLV-Umfrage zu den Lernbrücken beziffern 40 Prozent der Schulleitungen den Organisationsaufwand (Planung, Personalakquise, Schülerbeförderung, Schüler-/Elterninformation, etc.) mit mehr als zwei zusätzlichen Arbeitstagen. Jetzt rächt sich, dass das Konzept zur Entlastung von Schulleitungen, das uns seit Jahren versprochen wird, die Schulleitungsteams noch nicht erreicht hat. Zudem halten wir es für unabdingbar, dass Lernen mit Rückenwind nicht zu maßlosen Überstunden bei den Lehrkräften führt. Das Worst-Case-Szenario für die engagierten Lehrkräfte wäre dann, wenn die Überstunden am Ende durch Gegenrechnen faktisch gestrichen würden.
BLV-Forderungen zur Entlastung der Schulleitungen:
• Erhöhung der Leitungszeit (Schulleitungsentlastung)
• Senkung der Unterrichtsverpflichtung für Abteilungsleiter bzw. Ausbau der Abteilungsleiterstellen
• Rücknahme der Kürzungen beim Entlastungskontingent
• Langfristige Bereitstellung der benötigten Finanzmittel für die IT-Infrastruktur (Technik, Support, Instandhaltung, Personal)
• Einstellung von Verwaltungsassistenten für Statistik und Schulverwaltungsprogramme

Mehr Einsatz bei der Lehrergewinnung in Mangelfächern
„Zukünftig muss es gelingen, mehr Lehrerinnen und Lehrer in den Mangelfächern zu gewinnen. Sonst droht auch an den beruflichen Schulen ein Lehremangel wie wir ihn im Moment an den Grundschulen erleben“, prognostiziert der BLV-Vorsitzende. Dazu braucht es auch weiterhin eine engagierte und mutige Lehrergewinnung, so dass die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen nachhaltig steigt. Vor diesem Hintergrund bewertet der BLV die diesjährige Lehrereinstellung als richtigen Schritt. Das frühzeitige Einstellungsverfahren und die Gesamtzahl der Stellen (etwa 1.350) sind sehr erfreulich. Dies muss unbedingt so fortgesetzt werden.

Schaubild_Lehrermangel 2020 bis 2030

Leider mangelt es nach wie vor an geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern. So ist etwa die Zahl der angehenden Lehrkräfte an den beruflichen Schulen von 2017 bis 2020 um etwa 20 Prozent gesunken. Für mehr Lehrernachwuchs sind neue Ideen gefragt. Mit der neuesten Informationskampagne des Ministeriums für das Lehramt an beruflichen Schulen wurde eine langjährige Forderung des BLV umgesetzt. Es darf aber nicht nur bei Informationsflyern bleiben. Die Kampagne muss auf die sozialen Medien auch mittels Videoclips ausgeweitet werden. Zusätzlich ist es nötig, zukünftig auf Studieninformationsmessen gezielt Informationen und Podiumsbeiträge zum Thema Lehramt an beruflichen Schulen zu verteilen. Nach wie vor empfehlen wir auch eine Einstellungsgarantie für Lehramtsstudierende. Genauso halten wir die Einstellung der Referendarinnen und Referendare zum 1. August, also direkt im Anschluss an ihre Ausbildung, für dringend notwendig.

 

Forderungen von ADV und BLV an die nächste Landesregierung:

  • 250 zusätzliche Stellen zum Abbau des Unterrichtsdefizits (aktuell – 1,7 Prozent)
  • Innovationsstunden im Umfang von 140 zusätzlichen Lehrerstellen
  • Erhöhung der Leitungszeit (Schulleitungsentlastung)
  • Installation einer zweiten Stellvertretung in der Schulleitung für große Berufliche Schulen (ab 1.250 Schülerinnen und Schüler)
  • Senkung der Unterrichtsverpflichtung für Abteilungsleiter bzw. Ausbau der Abteilungsleiterstellen
  • Koordinatoren für Innovation und Digitalisierung (140 zusätzliche Stellen)
  • Sofortige Rücknahme der Kürzungen des allgemeinen Entlastungskontingents aus dem Schuljahr 2013/14
  • Erfolgreiches G9-Angebot von beruflichen Gymnasien und Realschulen/Gemeinschaftsschulen stärken und ausbauen
  • Aufbau von zusätzlichen personellen Unterstützungssystemen:
    • Schulverwaltungsassistenz ohne Gegenfinanzierung
    • IT-Support an den Schulen durch IT-Administratoren ohne Kürzung der Anrechnungsstunden für Systembetreuung (Lehrkräfte)
    • Streichen der Unterrichtsverpflichtung von Schulleitungen ohne Gegenfinanzierung aus dem Stundenpool
  • Einrichtung einer Landesakademie für berufliche Bildung als Innovationsquelle für Unterricht und Schule

 

Hier finden Sie die Pressemitteilung zur Landespressekonferenz des BLV am 8. September 2021.

 


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