LPK des BLV und der Universität Mannheim: Mehrarbeit ist Alltag geworden: Studie bestätigt dauerhafte Mehrarbeit an Beruflichen Schulen
Veröffentlicht am 1. Oktober 2026
Die zweite Welle der AARL-BS-Studie zeigt: Lehrkräfte an Beruflichen Schulen arbeiten weiterhin deutlich über dem Soll. Der BLV fordert deshalb konkrete strukturelle Entlastungen – nach dem Grundsatz: Einmal zentral. Hundertfach entlastet.
Lehrkräfte an den Beruflichen Schulen in Baden-Württemberg arbeiten weiterhin mehrere Stunden pro Woche über dem Soll. Das zeigt die zweite Erhebungswelle der Studie „Arbeitszeit, Arbeitsbelastung und Resilienz von Lehrkräften an Beruflichen Schulen in Baden-Württemberg“ (AARL-BS), die die Universität Mannheim und der Berufsschullehrerverband Baden-Württemberg (BLV) heute in Stuttgart vorgestellt haben. Vollzeitlehrkräfte arbeiten in einer typischen Woche rund 45 Stunden, Mitglieder von Schulleitungen knapp 49 Stunden. Das Soll liegt bei 41 Stunden.
Die Ergebnisse der zweiten Welle
Für die zweite Welle wurden im Frühjahr 2025 1.377 Lehrkräfte mit denselben Fragen wie 2022 befragt. Ziel war es zu prüfen, ob die Ergebnisse der ersten Befragung eine Folge der Pandemie waren. Das Ergebnis ist eindeutig:
- Die Mehrarbeit bleibt. Vollzeitlehrkräfte ohne Leitungsfunktion arbeiten 45,1 Stunden pro Woche (2022: 46,0), Vollzeitlehrkräfte mit Leitungsfunktion 48,8 Stunden (2022: 51,0). Die Arbeitszeit ist leicht gesunken, liegt aber weiter deutlich über dem Soll.
- Die Stimmung hat sich erholt, die Belastung nicht. Das Wohlbefinden ist seit 2022 signifikant gestiegen. Belastungsempfinden und Burnout-Gefährdung haben sich dagegen nicht messbar verändert.
- Viele Aufgaben gleichzeitig. Als häufigste Herausforderungen nennen die Lehrkräfte die unterschiedlichen Leistungsvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler, deren geringe Motivation und das Gefühl, viele unterschiedliche Dinge gleichzeitig machen zu müssen.
- Viel Arbeit außerhalb des Unterrichts. Rund 12,5 Stunden pro Woche, mehr als ein Viertel der Arbeitszeit, entfallen auf Aufgaben außerhalb des Unterrichts: Verwaltung und Dokumentation, Konferenzen, Zusatzfunktionen, Absprachen mit Betrieben und Kammern.
- Teilzeit und Berufseinstieg besonders betroffen. Teilzeitkräfte leisten anteilig besonders viel unbezahlte Mehrarbeit. Lehrkräfte unter 35 Jahren arbeiten im Durchschnitt fast 48 Stunden pro Woche.
„Erfreulich ist, dass sich das Wohlbefinden der Lehrkräfte seit 2022 verbessert hat. Die Arbeitszeit liegt aber weiterhin deutlich über dem Soll, Belastungsempfinden und Burnout-Gefährdung haben sich nicht verändert. Die Lage hat sich stabilisiert, entspannt hat sie sich nicht“, sagt Prof. Dr. Carmela Aprea, Universität Mannheim.
„Die Mehrarbeit an unseren Beruflichen Schulen ist kein Corona-Effekt. Sie ist Alltag geworden“, sagt Dr. Christoph Franz, Vorsitzender des BLV. „Unser Grundsatz lautet deshalb: Einmal zentral. Hundertfach entlastet. Was landesweit gleich ist, muss nicht an jeder Schule neu erfunden werden.“
Die Forderungen des BLV
- Unterrichtsbausteine vom Land. Mit jedem neuen Bildungsplan soll das Land schrittweise hochwertige, qualitätsgesicherte und frei nutzbare Unterrichtsbausteine auf einer digitalen Plattform bereitstellen, von der ersten Stunde bis zur Prüfung. Sie sollen binnendifferenziert, sprachsensibel und niveaudifferenziert sein sowie moderne Medien und zeitgemäße KI-Anwendungen berücksichtigen. „Das ist ein Angebot, keine Vorgabe. Pädagogische Freiheit bleibt pädagogische Freiheit“, so Franz. „Aber guter Unterricht muss nicht tausendfach neu erfunden werden.“
- Multiprofessionelle Teams an jeder Beruflichen Schule. Die Anforderungen an Berufliche Schulen gehen heute weit über Fachunterricht hinaus. Schulsozialarbeit, schulpsychologische Unterstützung, Sprachförderung und pädagogische Assistenz sollen fester Teil jeder Beruflichen Schule werden, auch der Berufsschule. Die Landesregierung hat den Ausbau im Koalitionsvertrag angekündigt. „Das begrüßen wir ausdrücklich. Aber gleichzeitig werden auf kommunaler Ebene Mittel für Schulsozialarbeit und AVdual-Begleitung gestrichen“, sagt Michaela Keinath, stellvertretende Vorsitzende des BLV. „Das Land muss die Finanzierung so absichern, dass sie nicht von der Haushaltslage einzelner Kommunen abhängt. Lehrkräfte sind Lehrkräfte – keine Sozialarbeiter und keine Psychologen.“
- Leitprozesse statt „Konzeptionitis“. Heute entwickelt jede Schule zu jeder neuen Vorgabe ihr eigenes Konzept. Der BLV fordert eine Entlastungsoffensive für Schulleitungen: Musterkonzepte und klare Umsetzungsprozesse vom Land, ein Nutzencheck für jede neue Vorgabe, ein landesweiter Erhebungskalender für Umfragen, eine leistungsfähige Schulverwaltungssoftware mit funktionierenden Schnittstellen und Verwaltungsassistenzen an allen Schulen. „Hunderte Schulen sollten nicht hundertfach dieselbe Arbeit machen müssen“, sagt Franz. „Das Land baut das Gerüst. Die Schule gestaltet das Haus. Und wer Schulen eine neue Aufgabe gibt, muss auch sagen, wann und von wem sie erledigt werden soll.“
- Arbeitszeit erfassen, Mehrarbeit ausgleichen, besondere Belastungen berücksichtigen. Der BLV fordert eine praxistaugliche und verbindliche Arbeitszeiterfassung. Nachgewiesene Mehrarbeit soll auf einem Lebensarbeitszeitkonto ausgeglichen werden. Hinzu kommen Anrechnungsstunden für Klassenleitungen, ein aufgestocktes Stundenbudget für Sonderaufgaben und mehr Entlastung beim Berufseinstieg. „Teilzeit muss auch Teilzeit sein“, so Keinath.
„Entlastung ist nicht nur eine Frage zusätzlicher Stellen. Sie ist auch eine Frage besserer Organisation“, betont Franz. „Die nächste Erhebungswelle wird zeigen, ob bei Lehrkräften und Schulleitungen tatsächlich etwas ankommt. Daran wollen wir die angekündigten Maßnahmen messen.“
Zur Studie
AARL-BS ist ein Kooperationsprojekt der Universität Mannheim (Prof. Dr. Carmela Aprea, Nina M. Wedel) und des BLV. Die erste Welle 2022 umfasste eine repräsentative Fragebogenstudie mit 1.827 Lehrkräften und eine Tagebuchstudie mit 453 Lehrkräften und über 40.000 erfassten Tätigkeiten. An der zweiten Fragebogenstudie von März bis Mai 2025 nahmen 1.377 Lehrkräfte teil.
Weitere Informationen: https://www.bwl.uni-mannheim.de/aprea/aarl-bs Externer Link
Hier finden Sie unsere PM als PDF zum Download.
Veröffentlicht am 1. Oktober 2026